Sucht man nach dem modernen Begriff der Bildung, sucht man vergebens – es gibt ihn nicht! Er wurde aufgrund seiner für die moderne Zeit zu diffusen Begriffseinordnung abgelöst, getötet (dazu gerne: https://kritischer-bildungskreis.de/2026/03/26/homo_technicus/ und https://kritischer-bildungskreis.de/2021/09/30/handlungsorientierung/). Die Bildung ist tot! Es lebe die Bildung! Denn die Bildungsleiche wurde in der Kompetenztheorie zombifiziert (Fohrmann, 2016). Ausbildung von Kompetenzen wurde zur Bildung oder Bildung wurde zur Ausbildung von Kompetenzen. Wie man es auch dreht und wendet, kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass das heutige Bildungsverständnis mit dem Kompetenzverständnis deckungsgleich ist. Eine der zentralen Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind die modisch gewordenen Applied Sciences oder weinger fancy: Angewandte Wissenschaften (die Logik kann auch umgedreht zutreffen – die AW können demnach auch als Bestärkung der Kompetenzorientierung gesehen werden – das ist hier aber nicht entscheidend). Der Kampf der Praktiker und Pragmatiker gegen die sogenannten Theoretiker (oder treffender ausgedrückt: Denker) ist mindestens seit der umfassenden Bildungsidee der Sokratiker und der pragmatisch-praktischen Bildungsvertretung der Sophisten oder der Humanisten (Bildungsbürgertum) gegen die industriepolitischen Philanthropisten (Wirtschaftsbürgertum) in entsprechenden Kreisen gut bekannt. Dieser Kampf wird heute entschieden.
Angewandte Wissenschaften als Motor der Wissensgesellschaft und Produktion?
Industrie und Wohlstand brauchen Praxis, was sonst? Das wussten schon Karl Marx und Lenin, der Erste betrachtete die Praxis als das Kriterium der Realität, der Zweite als das Kriterium der Wahrheit. Der subtil-religiöse sozialistische Einschlag übernahm die Idee der Calvinisten, die in dem Beruf, die Berufung und den eigentlichen Sinn des einfachen Menschen gesehen haben – der nicht einfache Mensch, also der Reiche, war vom Gott direkt gesegnet und auserwählt. Link, rechts wie mittig ist die Idee des fleißigen, tätigen Bürgers jeglicher Führungselite recht schmackhaft. Es soll hier nichts gegen eine tugendhafte fleißige Tätigkeit gesagt werden. Der feine Kontext (wer sagt es, wann, zu wem und warum) und die Gewichtung sind dabei jedoch entscheidend.
Denn es wird gerne übersehen – in den oberen Schichten aufgrund der Machtaffinität, in den unteren aufgrund der geistigen Trägheit – dass jegliche halbwegs bewusste Praxis immer und zwar immer immer (!) aus dem Denken, aus Ideen und Theorien entsteht. Wenn wir nicht von Affekten und Trieben reden, auf der auch die angepriesene Wissensgesellschaft nicht gebaut werden kann, dann gibt es keinerlei Ausnahmen von dem sogenannten Primat (Vorrangstellung) der Theorie oder dem Primat des Denkens (mehr dazu in den 3 Teilen: https://kritischer-bildungskreis.de/2023/04/19/lebenspraxis-der-erkenntnistheorie-teil-1/).
Es sind zwar sicherlich beinahe immer unbewusste, affektive und triebhafte Aspekte neben dem ansonsten reflektierten Tun dabei, doch wenn diese die Handlung entscheiden, dann kann nicht von einer menschlich bewussten Handlung gesprochen werden. Solch eine unbewusste und somit auch unfreie Handlung wäre für jegliche kulturelle Entwicklung völlig unbedeutend – der Mensch würde etwas tun, wovon er gar nichts weiß. Er würde somit in seinem Handeln gar nicht existieren. Er würde ohne mehr oder minder denkende Tätigkeit für das eigene Erleben gar nicht existieren.
Wenn man annimmt, dass die Reflexion, das Denken erst nach der schöpferischen Handlung aufkommt, dann ist es so, als ob der Mensch bei der Erfindung eines Löffels so lange durch Zufall an Stöcken herumgeschnitzt hat, bis er sich damit Suppe essend erleben konnte. Man kann diese Ansicht durchaus vertreten – ganz im Sinne von: Es entsteht alles völlig sinnlos im Chaos der praktischen Zufälligkeit – doch ich halte es für deutlich naheliegender und plausibler, die Erfindungen aus Wahrnehmungen und Nachdenkprozessen abzuleiten. Der ontologische (grundsätzliche / ohne äußere Gründe existierende) Zufall – auch wenn er sehr gerne für alles hergenommen wird – kann wissenschaftlich (Falsifikationsprinzip) nicht einmal als eine gültige ad hoc Hypothese (Stützhypothese / Behelfshypothese) gebraucht werden. Er ist schlicht nicht wissenschaftlich. Der Mensch kann also durchaus recht unreflektiert an Stöcken herumgeschnitzt haben. Doch irgendwann verband er die Wahrnehmung der Stöcke, der Suppe und des Herumschnitzens in einer anfänglichen Idee des Löffels. Der Bios Theoretikos (Aristoteles), das betrachtende Leben, das sich auf Erkenntnis stützt, geht bei einem halbwegs reflektierten und insofern freien und vor allem schöpferischen (also auch produzierenden) Menschen dem Bios Praktikos (das praktische Leben) stets voraus. Es kann kein ethisches, politisches und sonstiges kulturelles Handeln, sowie keine dazugehörigen Güter aus unbewusster Lebenspraxis entstehen, weil die Kultur, die Kultivierung der materiellen Welt, das Menschliche Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein voraussetzt.
Unter Verschleierung dieser Tatsache etabliert sich der Trend der Angewandten Wissenschaften zum Motor der Wissensgesellschaft und Produktion im jeglichen Sinne. Dass dabei das Wissen nicht aus der irgendwie gearteten unreflektierten materiellen Praxis entstehen kann, sondern aus dem Denken selbst, wird ignoriert.
Denken und die Grundlagenforschung als Motor menschlicher Entwicklung
Die materielle Praxis dient gewiss als Erfahrungsboden und gehört vorerst unweigerlich zur Erkenntnis dazu. Doch sie kann nicht den Ursprung des Erkennens und Wissens bedeuten, weil ein nicht denkender Mensch ihr gegenüber sich nicht vom Gemüse unterscheidet. Der Motor einer jeglichen Gesellschaft im Sinne ihrer kulturellen Entwicklung ist also nicht zentral die Anwendung (das können wir meinetwegen den Boden nennen), sondern das Denken, die Denkfähigkeit an sich.
Wenn also eine Wissenschaftsform gesucht werden soll, die die Gesellschaft vorantreibt bzw. entwickelt, dann ist es gewiss nicht die angewandte Wissenschaft – diese steht am Ende der Fahnenstange – die fundamentale Wissenschaft bzw. die Grundlagenforschung ist das, was Erkenntnisprozesse und Erkenntnishintergründe beleuchten und entwickeln kann. Die angewandte Wissenschaft ist lediglich auf die äußere Welt angewandte Denk- und Erkenntnistätigkeit, die im Rahmen fundamentaler Wissenschaft erforscht und gefördert werden kann.
Angewandte Wissenschaften und Kompetenzen als Zentrum der Bildung
Dennoch stehen die angewandten Wissenschaften und die damit verbundene Kompetenzorientierung im Zentrum der Bildung. Wenn „angewandte Wissenschaften“ als Begriff keine gesonderte Definition braucht, ist der Kompetenzbegriff nicht unbedingt aus sich heraus nachvollziehbar. Was sind also Kompetenzen?
- „Fähigkeit der Bewältigung komplexer Anforderungen, indem in einem bestimmten Kontext psychosoziale Ressourcen […] herangezogen und eingesetzt werden“ (OECD, 2005)
- „kontextspezifische kognitive Leistungsdispositionen, die sich funktional auf Situationen und Anforderungen in einer bestimmten Domäne beziehen“ (Klieme & Leutner, 2006)
- auf Problemlösung gerichtete kognitive „Fähigkeiten und Fertigkeiten“ und motivationale, volitionale sowie soziale Bereitschaften und Fähigkeiten für die Umsetzung entwickelter Problemlösungen (Weinert, 2002)
- Schlüsselqualifikationen = Kompetenzen mit der größten Bedeutung in gegenwärtigen Bildungsdiskursen (Mertens, 1974, Reetz 1999)
Trotz personaler (angeblich von funktionalen zu unterscheidenden) Kompetenzen – wie Sozialkompetenz, Selbständigkeit, Selbstregulation, Flexibilität, Wohlbefinden auf physischer, mentaler und sozialer Ebene, Einstellungen, Wertvorstellungen, Interaktion in heterogenen Gruppen sowie autonome Handlungsfähigkeit – bleiben die Kompetenzen, was sie sind: auf die Bewältigung von gesellschaftsspezifischen Anforderungen – also funktional, problemorientiert gebunden – gerichtete psychosoziale Ressourcen bzw. kognitive Leistungsdispositionen.
Angewandte Wissenschaften bewegen sich demnach in derselben Domäne gesellschaftsspezifischer Anforderungen. Sie versuchen, die objektivierte bzw. intersubjektivierte Basis für das Anwendungswissen zu geben, und die Kompetenzorientierung versucht, die persönliche Fähigkeit zur Bewältigung derselben gesellschaftsspezifischen Anforderungen sicherzustellen. Beide richten sich also auf die Lösung praktischer Gesellschaftsprobleme aus und finden darin ihr Selbstverständnis.
Bildungszukunft der angewandten Wissenschaften und Kompetenzorientierung = 0
Was folgt daraus für die Zukunft (eigentlich bereits Gegenwart) der Bildung bzw. des Bildungssystems, welches vollständig auf dem Selbstverständnis der Kompetenzen und der Ausrichtung auf angewandte Wissenschaften aufgebaut ist? Die Bildung, genauer gesagt die moderne Vorstellung und die daraus gestaltete Praxis der Bildung laufen gegen die Wand. Ihre Zukunft ist keine Zukunft, ihr fehlt die Zukunft und zwar vollständig. Wenn man dabei bedenkt, dass die Kompetenzorientierung explizit wegen der Zukunftsorientierung / Zukunftsfähigkeit als Bildungsersatz systematisch gekrönt wurde, sollte diese Nachricht geradezu schockierend sein. Für Kenner der Materie ist sie das auch. Warum kann solch eine steile These zutreffend sein?
Die Antwort ist recht einfach: Weil die KI diesen Bereich komplett übernimmt und um Welten effizienter realisiert als es der Mensch je können wird. Die Analyse riesiger Datenberge im algorithmischen Rahmen und Herstellung von Zusammenhängen in diesen unvorstellbar großen Datenbergen in kürzester Zeit ist genau das, wozu eine KI konzipiert wurde. Sie bildet das kybernetische Verständnis vom Menschen als einer Datenverarbeitungsmaschine mit Wahrnehmungssensoren ab und realisiert diese perfektionierte Idee im technischen Kontext. Die KI ist die aus dem Menschen abstrahierte Idee eines absoluten Spezialisten oder auch Fachidioten (im guten wie auch schlechten Sinne), der im Menschen selbst in dieser einseitigen Spezialisierung gar nicht vorhanden ist. Die Schöpfung oder die Absicht der Schöpfung der KI greift also durch den Menschen über den Menschen hinaus zu einer Form der Analyse und Synthese (solve et coagula) an sich. Dadurch entsteht eine extrahierte Fähigkeit, die durch ihre Einseitigkeit eine Perfektion nie da gewesenen Ausmaßes erreicht. Der Mensch wirkt mit seinem Bestreben angewandte Wissenschaften zu betreiben und sich Kompetenzen zur jeglichen Problemlösung anzueigenen gegenüber der KI wie ein Wurm.
Es darf dabei allerdings nicht vergessen werden, dass der Mensch als Schöpfer der KI gilt. Er hat also seine geistige Fähigkeit so weit auf die Spitze der Praxis und der Anwendung gebracht, dass diese Fähigkeit in der KI-Entwicklung münden konnte. Mehr ist auf diesem Gebiet von dem Menschen nicht zu leisten. Auf diesem Gebiet ist tatsächlich die Leistungsspitze erreicht. Der menschliche Trieb zum Anwendungswissen und Anwendungsfähigkeiten extrahierte die KI aus dem menschlichen seelisch-geistigen Leben hinaus in die äußere, technisierte Welt. Die einseitige Perfektion, die jetzt in der Welt als KI technisch tätig wird, entgleitet dem Menschen. Wie ein gruseliges Kind, mit einer einzigen perfektionierten Fähigkeit (und deswegen in vermenschlichter, anthropomorphisierter Form durchaus gruselig), verlässt es das Elternhaus, um seine eigene Domäne zu entfalten. Die angewandten Wissenschaften und die Kompetenzorientierung ziehen mit ihm hinaus, weil sie genau das darstellen, was in der KI technisch ‚verkörpert‘ ist.
Dazu nur ein paar Hinweise (unzählige weitere können mit Hilfe der KI selbst gefunden werden):
- Praxis angewandter Wissenschaften durch KI selbst. Also KI als Erzeuger von Hypothesen, Experimente, Falsifizierung, Interpretation: https://www.natureasia.com/en/info/press-releases/detail/9330
- Gleiche Richtung: autonome Laboratorien, die selbst entsprechende Prozesse durchführen, um sie dann der Revision zu unterwerfen und die nächste Forcshungsrunde einzuleiten: https://royalsocietypublishing.org/rsos/article/12/7/250646/235354/Autonomous-self-driving-laboratories-a-review-of
- das Ganze eine Ebene höher: Es werden keine einzelne Experimente durch KI realisiert, sondern gesamte Forschungsprogramme mit Laborressourcen delegiert: https://www.nature.com/articles/s43246-026-01219-5
- Das durch Menschen etablierte wissenschaftliche Verfahren zur Wetterhervorsage wurde durch ein KI-Verfahren um 90% übertroffen: https://dataconomy.com/2023/11/15/google-deepmind-graphcast-weather-forecast-ai/
- Annähernde Ablösung der Arbeitstätigkeit von 44 Berufen mit durchschnittlich 14 Jahren Berufserfahrung im Wirtschaftssektor durch KI, die hundertmal schneller und günstiger erfolgt: https://arxiv.org/abs/2510.04374
- Das durch Ausbildung erworbene kodifizierte Wissen lässt sich leicht durch KI nachbilden. Das Erfahrungsbasierte implizite Wissen ist dagegen schwer zu ersetzen: https://www.technologyreview.com/2026/05/26/1137865/its-time-to-address-the-looming-crisis-in-entry-level-work/
- KI diagnostiziert Krankheiten um das Vierfache besser als 21 Ärzte mit 5 bis 20 Jahren Berufserfahrung unter deutlich geringeren Kosten: https://www.medicaleconomics.com/view/microsoft-says-its-ai-tool-outperforms-physicians-on-complex-diagnostic-challenges
- KI gewinnt das internationale Programmierungswettbewerb ICPC: https://eu.36kr.com/en/p/3472035619460996 Dabei wurde kein auf ICPC spezial getrimmtes Verfahren genutzt, sondern übertragbares Problemlösevermögen (sprich Kompetenz): https://venturebeat.com/ai/google-and-openais-coding-wins-at-university-competition-show-enterprise-ai
- humane Bildung soll wieder gefordert werden, durch intellektuelle Souveränität, Autonomie, kritische Reflexion und Widerstand gegen Vereinfachung ohne Anforderungsbewältigung. Absurderweise soll das durch Kompetenzprofile realisiert werden: https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/3319-26.pdf?__blob=publicationFile&v=12
Gruselig hin oder her, was bleibt den Eltern, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Sie fallen auf sich zurück. Sie werden auf sich selbst zurück geworfen. Die Zeit, um zu überdenken, was bin ich ohne meine Kinder, was will ich noch sein, was will ich tun. Was will der Mensch also, nachdem er feststellt, dass er das Anwendungswissen in einer KI verobjektiviert, aus sich herausgesetzt hat? Was will er, wenn angewandte Wissenschaften und Kompetenzen keine Bedeutung mehr für seine seelisch-geistige Tätigkeit haben? Will er da noch etwas? Hat er noch etwas oder erübrigt sich seine seelisch-geistige Tätigkeit darin?
Die Mahnung des Papstes und der Grün-Ideologen an die Menschheit
Warum interessiert mich der Papst in diesem Kontext? Weil er die beste Vorlage für das angeblich Menschliche liefert. Mit seiner Schrift beweist er durchaus, dass er in Bezug auf die moderne Technik nicht ahnungslos ist. Doch was ist das Menschliche für ihn? Was will der Mensch noch oder was soll und kann er noch, wenn er die Bedeutungslosigkeit seines Anwendungswissens und der damit verbundenen Kompetenzen feststellt?
Die Antwort des Papstes in seiner Magnifica Humanitas ist eindeutig: der Mensch wird nicht durch irgendeine Tätigkeit oder Leistung bestimmt (soweit so gut), seine Erfüllung findet er in der caritativen Tätigkeit und Einstellung. Wenn der Mensch sich als Mensch entfalten will, dann soll er seine Begrenztheit akzeptieren und zu den moralischen Werten der Nächstenliebe und der Nächstensorge zurückfinden.
Für den Papst ist Mensch also ein begrenztes Wesen, welches sich lediglich der guten caritativen Tätigkeit fügen soll (fügen darf? fügen kann?). Was gibt es schon Bequemeres für Machtzentren als sich selbst begrenzende Bürger, die miteinander in Frieden leben? Kant und Kirche gemeinsam auf einer Bank! Die kirchlichen Sonntagsschulen verstanden die ‚Bildung‘ in einem ähnlichen Sinne: Gehorsam (gegenüber der Kirche), Frömmigkeit (gegenüber Gott) und sittliches Verhalten (gegenüber den Mitmenschen). Nur hat die Frömmigkeit in Zeiten von fehlender konkreter Vorstellung von Gott und allem, was damit zusammenhängt, ihren Sinn verloren, und der Gehorsam würde in Zeiten von pseudodemokratischen und pseudofreien Vorstellungen die ‚freien‘ Gemüter erschrecken (Gehorsam gibt es nur irgendwo ‚drüben‘). Also haben wir caritatives Leben mit Selbstbeschränkung als päpstliche Idee des Menschlichen.
Interessanterweise geht auch die grüne Ideologie (ich rede hier nicht von sinnvoller ökologischer Rücksicht) in Richtung „Glückseeligkeit der Selbstbeschränkung“. Wenn also Ulrike Herrmann ein an britische Kriegswirtschaft angelehntes Notstandsregime im Sinne ökologischer Selbstbeschränkung propagiert, schlägt sie die gleiche Richtung, wie Papst ein. U. Herrmann und grüne Ideologen wollen den Menschen aufgrund Zerstörungswachstums und Egoismus beschränken und der Papst will es, damit man nicht im Transhumanismus menschlicher Unzulänglichkeiten den Posthumanismus heraufbeschwört. Die Optimierung des Menschen im transhumanistischen Sinne soll damit an ihre logische (wohl eher kirchliche oder konsumbedingte) Grenzen stoßen.
Laut dieser Denkrichtung ist erst ein selbstbeschränkter Mensch ein Mensch im eigentlichen Sinne. Es gibt entweder den egoistischen, nach ständigem Wachstum und technischer Überwindung seiner Unzulänglichkeiten strebenden Unmenschen oder einen guten selbstbeschränkten caritativen Mitbürger. Eine seelisch-geistige Entwicklung des Menschen, welche über die ideologischen Grenzen materialistischer Ideologie hinausführt und ihn gleichzeitig auch sozial und somit auch ökologisch reflektiert macht, fällt dem Papst sowie auch den Grün-Ideologen nicht ein. Da wird einem selbst Nietzsche sympathisch, wenn er mit dem Hammer solch einen Pseudomoralismus und eine Pseudomenschlichkeit wegphilosophiert. Dann leider aber bei der Wiederholung des ewig Gleichen landet und im Wahnsinn endet.
Giovanni Pico della Mirandola und seine Schrift „Über die Würde des Menschen“ werden auch nach über 500 Jahren vom Papst und der katholischen Kirche (vermutlich auch von keiner anderen) offensichtlich nicht gemocht. Ideen der menschlichen Freiheit und entsprechenden seelisch-geistigen Entwicklung bleiben nach kurzer humanistischer Phase im Sumpf materialistischer Ideologie hängen. Kontrolle vs. totale Enthemmung scheinen die einzigen überlebten Denkrichtungen der Postmoderne zu sein. So sieht es durchaus human aus, wenn man etwas dazwischen – in einer gut temperierten, wohligen Selbstbeschränkung unter gemäßigtem Genuss – der Menschheit als die Lösung des sozialen Problems serviert.
Von der Kultivierung der materiellen Welt zur Kultivierung der seelisch-geistigen Welt
Die Ablösung von angewandten Wissenschaften und Kompetenzen (bzw. Auflösung ihrer zentralen Bedeutung) durch die KI ist, so fatal es klingt, ein Segen für die Menschheit. Der Drang nach Werkzeugen und ihrer Anwendung in der Welt führte uns zu großen Erkenntnissen und Taten. Als Krönung dieser Entwicklung erschaffen wir die KI im Sinne einer ultimativen Werkzeugschnittstelle, die alle anderen Werkzeuge bedienen kann. Der Weg der Werkzeuge ist an sein Ende gelangt, nicht weil es nichts mehr zu erfinden und zu tun gibt, sondern weil dieser Weg gegenwärtig seiner Idee, seinen Grundprinzipien nach den Peak-Moment erreicht. Die Idee und die Logik hinter dem Drang nach der Urbarmachung, Kultivierung der Welt wurde bis in die pseudogeistigen Zusammenhänge (die Reduktion geistiger Tätigkeit auf Analyse & Synthese bestehender Daten greift zu kurz) in der KI externalisiert, veräußerlicht, aus dem menschlichen Wesen gewissermaßen ausgesetzt. Diese Idee kann in der Gegenwart und Zukunft nur als praktischer Boden weiter dienen, aber nicht mehr als geistiger Grundtrieb des Menschen.
Die geistige Tätigkeit, die bisher recht intensiv an jegliche kultivierung der Welt mit Hilfe von Anwendungswissen und entsprechenden Kompetenzen gebunden war, ist frei und vorerst arbeitslos.
Findet der Mensch für diese Tätigkeit keine neue Hinwendung, dann ist er in der Trans- und Posthumanistischen Entwicklung verloren (ohne je sich selbst gefunden zu haben – siehe dazu mein Amniongleichnis). Reduziert sich der Mensch bzw. reduziert er seine geistige Tätigkeit auf Werkzeuge und die damit verbundene Kultivierung, bleibt er lediglich ein User. Er kann als Enduser, als vollkommener Konsument, ganz unten in der Kette sein und die Werkzeuge nur zum Genuss, Zeitvertreib und Ablenkung nutzen (so intelligent/gehoben dies auch erscheinen mag). Er kann als Operator die Werkzeuge verschiedenster Art verwalten, als Programmierer die Werkzeuge logisch herleiten und gestalten oder als Architekt das ganze System verwalten (wenn er an diese Macht-Ebene herankommt). Die technisierte Matrix-Logik (aus dem Film „Matrix) lässt grüßen! Doch all diese Ebenen bleiben implizite (verschleierte) User mit verschiedenen hierarchischen Rollen. Sie alle identifizieren sich mehr oder weniger mit der Kultivierung der materiellen Welt durch Anwendungswissen und Kompetenzen. Sie alle liegen auf der Ebene der geschaffenen, veräußerten Welt und sehen darin ihr Selbstverständnis, ihre Existenzgrundlage, ihren Sinn. Ein Architekt im höheren Sinne (als Symbol für Gestalter mit entsprechender Macht) ist demnach nichts anderes als User auf einer höheren Ebene.
Dieser Sandkasten hatte bisher durchaus seinen guten Sinn in Bezug auf Erlebnis, Erkenntnistätigkeit und kaum überschaubare Anzahl von anderen Facetten. Doch die Frucht ist raus. Schließt sich der Mensch in dieser Identifikation mit der Frucht (Anwendungswissen -> Werkzeuge -> KI als Werkzeugverwalter) ein, ist er darin seiner Rolle beraubt, denn die erschaffene Frucht IST ein Werkzeugverwalter und Werkzeugkreateur – in diesem Sinne ein Pseudo-Mensch.
Will der Mensch aus diesem Sandkasten der materiellen Tätigkeit heraus muss er sich selbst als Werkzeug erleben und begreifen. Er muss seine geistige Tätigkeit nicht mehr auf das Anwendungswissen, auf die Werkzeuge und die Kultivierung richten, sondern auf sich selbst. Er muss seine geistige Tätigkeit auf diese Tätigkeit selbst richten. Er muss zur Dimension des Denkens über das Denken, Fühlen und Wollen im Kontext der Außenwelt kommen, die er bisher völlig unterschätzt hat. Erst durch diesen Schritt kann er einen ganz neuen Bereich der Kultivierung erfahren – die Kultivierung der seelisch-geistigen Welt.
Der Mensch selbst als Werkzeug kann und muss – wenn er seinem Menschsein gerecht werden und weiter existieren will – seine vom Anwendungswissen befreite, arbeitslos gewordene geistige Tätigkeit auf sich selbst, auf diese Tätigkeit selbst (die im Kontext der Außenwelt steht) richten. Darin kann er eine sehr reale und konkert greifbare geistige Welt entdecken, die er noch kaum betreten, geschweige denn kultiviert hat.
Die seit den 1970ern um sich greifende New-Age-Esoterik, die sich gerne lediglich am östlichen Gedankengut, an der Hinwendung zur Natur und zur Gefühlswelt orientiert, kratzt diese Kultivierung durchaus hier und dort an – weil die kulturell-geschichtlich vergangenen Zugänge zu dieser seelisch-geistigen Welt zu ihrer Zeit wirksame und gute Substanz dazu geliefert haben – doch die kulturelle Entwicklung drehte sich in ihrem guten Sinn weiter. Die Errungenschaften der Postmoderne, die die kulturelle Dominanz der sogenannten westlichen Welt begründet haben, brachten trotz ihres gewaltigen Schattens nicht nur Schlimmes in die Welt. Was sie an Entscheidendem und Gutem vor allem im Bereich der menschlichen seelisch-geistigen Entwicklung geleistet haben, blieb leider bisher weitgehend unberührt liegen. Es kann in den Ideen des deutschen Idealismus und ihrer Weiterentwicklung in der Anthroposophie gefunden werden (PDF: „Die Natur und unsere Ideale“, „Vom Menschenrätsel“, „Philosophie der Freiheit“ und einige andere Werke Rudolf Steiners von 1 bis 28). Glauben muss man dort nichts, denken aber durchaus. Wer darüber spottet, wird seine Gründe haben, nur sollte ihm bewusst sein, dass er gegen die ganze Strömung spottet, die auf dem Weg nach einem glasklaren Zugang zum menschlichen Geist und seiner geistigen Umwelt ist.
Der Eintritt zur Kultivierung des seelisch-geistigen Lebens liegt nicht im diffusen Fühlen unreflektierter Wünsche und Sehnsüchte, die sich auf vergangene spirituelle Kulturen und Zeiten beziehen, auch liegt diese Kultivierung nicht in gefühlloser, pragmatischer Analyse und Synthese geistiger oder pseudo-gestiger (Stichwort: Datenbanken) Zusammenhänge.
Der Eintritt zur Kultivierung des seelisch-geistigen Lebens liegt in dem
- Ergreifen der Ideenwelt an der Welt der Wahrnehmungen durch das dem Menschen gegebene Werkzeug des Denkens und
- das durchwärmen dieser Tätigkeit mit dem reflektierten und intensiven Gefühlsleben und unerschütterlichen Willen
Dass die new-age-esoterische Welt dies nicht als spirituell genug erachtet und die materiell geprägte Welt es für unpraktisch hält, liegt vor allem an dem Verkennen der konkreten Wirklichkeit der geistigen Tätigkeit im Menschen, Verkennen ihrer Bedeutung und ihrer Tragweite für den Menschen und die Welt. Die Suche nach einer irgendwie gearteten ‚geistigen Welt‘ mag von fasziinerenden Welten von Engeln, Geistern, Naturwesen und sonstigen Inhalten angezogen werden und die Ablehnung dieser ‚geistigen Welt‘ mag von von solchen Inhalten abegstoßen werden; Doch diese geistige Welt kann nicht ohne Illusionen auf beiden Seiten gefunden werden, wenn der Mensch sie nicht zuerst in sich, an dem Welterleben entdeckt. Inwiefern diese Welt dann im Kontext einer größeren geistigen Welt – mit entsprechenden wesenhaften Kräften, Mächten und Erscheinungen – steht, kann nur auf diesem Wege ernsthaft ergründet werden.
Es liegt also vor dem Menschen eine Weiterführung seines Erkenntnis- und Schaffensdranges – die Kultivierung der seelisch-geistigen Welt. Nur kann sie erst betreten werden, wenn er von der bisherigen jahrhundertealten Gewohnheit ablässt, sie (hoffentlich reflektiert und umsichtig) als Existenzboden wirken lässt und seinen frei gewordenen Geist neu ergreift. Das ist nichts weniger als eine Revolution, eine Revolution des Geistes!

…so fehlt mir doch die Seele.
Sie, die auf Reisen geschickt wird, um anschließend zu berichten.
Immer wieder.